Freitag, 1. April 2011

Lieber spät als nie...

In meinem Eingangsposting zur "Aktion deutscher Film" hatte ich aus Zeitgründen meine zehn Lieblingsfilme einfach nur aufgelistet, ohne Erklärungen oder Kommentare. Das war letztlich eine recht unglückliche Konstellation, zumal zumindest einige der Filme eher unbekannt sind. Mittlerweile steht schon ein Text zu "Allotria" auf dieser Seite. Nun möchte ich auch die anderen neun Titel ganz kurz vorstellen:

Hotel Sacher (Erich Engel, 1938/39)
Einer dieser Filme aus der Zeit des Dritten Reichs, bei denen ich mich immer wieder frage, wie sie überhaupt entstehen konnten. Der Schatten einer heraufziehenden Katastrophe liegt über dieser Liebes- und Spionagegeschichte, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt. Der Blick zurück ist 1938/39 auch ein Blick in die nächste Zukunft. Ein Abgrund tut sich auf, der weit mehr als nur das tragische Liebespaar dieses Films, Sybille Schmitz und Willy Birgel, verschlucken wird. Sybille Schmitz, Fassbinders Veronika Voss, war der rätselhafteste Stern am Himmel der Ufa, schwarz funkelnd, verführerisch, dem Tod geweiht, die Inkarnation einer erotischen Todessehnsucht, wie sie in der Propaganda und auch der Popkultur der Nationalsozialisten so eigentlich gar nicht existieren durfte.

Opfergang (Veit Harlan, 1942-44)
Das Melodrama der NS-Zeit schlechthin. So todessehnsüchtig wie das Dritte Reich zur Zeit seiner Entstehung. Jede Einstellung ist erfüllt von einem dunklen Weltschmerz und ganz tief in der deutschen romantischen Tradition verwurzelt, die dem Tod immer näher als dem Leben stand. Natürlich ist das alles im höchsten Maße politisch, aber Harlan, diese grandiose Symbolist unter den deutschen Filmemachern, komponiert Bilder und Szenen, die einem Sog gleichen. Wer von ihm erfasst wird, für den gibt es kein Halten und kein Entkommen mehr.

Film ohne Titel (Rudolf Jugert, 1947/48)
Nur drei oder vier Jahre liegen zwischen Harlans cineastischer Todessymphonie und Rudolf Jugerts lichter, von Trauer wie von Hoffnung durchwehter Film-im-Film-Komödie. Aber es trennen sie natürlich Welten. Auf den Film des Untergang folgt in meiner ganz persönlichen Geschichte des deutschen Kinos einer des Aufbruchs. Inspiriert von den selbstreflexiven Stücken eines Luigi Pirandello hat Jugert zusammen mit seinem Mentor Helmut Käutner einen postmodernen Film avant lettre gedreht. Nach dem Dunkel der vergangenen Jahre hielt die Moderne Einzug ins deutsche Kino...

Geheimnisvolle Tiefe (G.W. Pabst, 1949)
Ein Film von wahrhaft kristalliner Schönheit. Man kann sich an seinen Bildern schneiden und ist dabei so verzaubert, dass man sogar zu verbluten droht... Auch dieses Melodram ist getränkt in Todessehnsucht. Aber es ist eine andere als die Harlans, eine rein private, die niemals Ideologie werden könnte. Auch Pabst wandert auf den Spuren der Romantiker, aber seine Welt von Eros und Thanatos ist aufgeladen von den Ideen Freuds ... die Geheimnisse einer Seele, die sich nicht entschlüsseln, aber in Kinobilder von atemberaubender Kostbarkeit gießen lassen.

Ich suche dich (O.W. Fischer, 1955/56)
Der besessene, der zynische, der verzweifelt suchende Arzt Dr. Paul Venner ist letztlich die Rolle O.W. Fischers. Immer wieder hat er diesen Typus gespielt, zwielichtige Charaktere, Misanthropen, die erlöst und gerettet werden wollen, meist durch das Opfer einer Frau. Das Muster war in aller Klarheit schon in Rudolf Jugerts "Ein Herz spielt falsch"ausgearbeitet (übrigens auch ein Film, der weitaus mehr Beachtung verdient, als ihm bisher zu Teil geworden ist, aber das nur nebenbei). Fischer hat es dann immer wieder übernommen und variiert, aber niemals in dieser Radikalität wie hier. Alles steuert auf die große Explosion und das reinigende Feuer hin ... das reine filmische Delirium, das man nur lieben oder hassen kann.

In einem Jahr mit 13 Monden (Rainer Werner Fassbinder, 1978)
Einen Fassbinder-Film auszuwählen, ist aus meiner Sicht eigentlich unmöglich. Ich hätte auch die ganze Top Ten nur mit Filmen dieses enfant terrible des deutschen Kinos füllen können. Sein Werk hat so viele Facetten, dass die Beschränkung auf einen Film immer nur ein Kompromiss sein kann. Und gerade das macht die Passionsgeschichte der Elvira Weishaupt zur perfekten Wahl für diese Liste. Dieses moderne Stationendrama, das sich in seiner Struktur an die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Mysterienspiele anlehnt, ist schon dank seines episodischen Aufbaus mehr als nur ein Film. Jede Station dieses bundesrepublikanischen Totentanzes durch Frankfurt am Main, diese schnöde Wirklichkeit gewordene Dystopie einer Stadt, spiegelt eine Facette von Fassbinders Werk. So ist "In einem Jahr mit 13 Monden" zugleich zärtlich und brutal, barock und asketisch, taumelnd und kontrolliert, zutiefst komisch und herzzerreißend tragisch.

Das Gold der Liebe (Eckhart Schmidt, 1982/83)
Ein Taumel durch eine Nacht, die Suche eines Mädchen nach dem Gral, dem "Gold der Liebe". Schillerndes New Wave Kino, ganz aus dem Geist der Musik geboren. Eckhart Schmidts Bilder einer Nacht, die immer zugleich Sehnsuchtsphantasie und Alptraum ist, sind einzigartig im deutschen Kino, in ihrer Flüchtigkeit unendlich kostbar und so berauschend wie Absinth. Einen Film lang scheint die Möglichkeit eines ganz anderen, eines durch und durch poetischen Kinos auf. Das ist natürlich ein Versprechen, das niemand halten kann, auch Eckhart Schmidt nicht (aber das ändert nichts an der Größe dieses  filmischen Solitär noch an dem Reichtum und der Kraft seines übrigen Werkes).

Von heute auf morgen (Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, 1996/97)
Ein Kontrapunkt zu all den überhitzten, dem Tod entgegen laufenden Melodramen in dieser Liste. Arnold Schönbergs Oper in einem Akt bewegt sich irgendwo zwischen Freud und Neuer Sachlichkeit. Das bürgerliche Paar, das im Lauf einer Nacht auseinander treibt und am nächsten Morgen beim Frühstück wieder zu sich findet, steht in eine Linie mit den Figuren aus Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und G.W. Pabsts Stummfilm "Abwege". Am Ende ist es so, als sei nichts geschehen und alles wieder in Ordnung. Doch so einfach ist es nicht. Anders als "Moses und Aron", ihre erste große Verfilmung einer Schönberg Oper, haben Danièle Huillet und Jean-Marie Straub diesen Einakter komplett in einem Fernsehstudio gedreht, vom Orchester live begleitet. Daraus ist ein Meisterwerk filmischer Präzision entstanden. Wie in Schönbergs Partitur ist alles ganz klar und geordnet, aber unter Oberfläche brodelt es: Ein Film wie eine Obduktion am Körper der bürgerlichen Gesellschaft.

Nachmittag (Angela Schanelec, 2006/07)
Dass ich dieser ins zeitgenössische Milieu der Berliner Republik verlegten Adaption von Anton Tschechows "Die Möwe" den Vorzug vor "Marseille" gegebe, hat rein persönliche, autobiographische Gründe. Mit "Nachmittag" schließt sich ein Kreis, der für mich in den frühen 90er Jahren in Bochum am Schauspielhaus seinen Anfang genommen hatte. Damals war Angela Schanelec die Nina, Tschechows Möwe, in einer Inszenierung von Jürgen Gosch. Nun spielt sie selbst die Irina, die gealterte Schauspielerin, die Diva, die nur noch zerstören kann. Dabei schwingt so viel an Geschichte, ihrer eigenen wie der des Theaters und des Kinos, mit, dass ich einfach nur überwältigt bin. Von allen Regisseurinnen und Regisseuren der so genannten Berliner Schule ist Angela Schanelec sowieso die radikalste. Ihr Kino, das ganz ohne alles Theatralische auskommt, ist ohne das Theater nicht denkbar. In bis kleinste Detail komponierten Einstellungen schafft sie eine Wirklichkeit, die ganz natürlich und doch ganz Kunst ist. Wenn am Ende in der Ferne ein Schuss fällt, die Tragödie eines Sohnes vorbei ist und die Komödie des Lebens ungerührt weitergeht, ist das ein grandioser Schlusspunkt, und das nicht nur für diesen Film ... kein Wunder, das mit "Orly" ein neues Kapitel begonnen hat.

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