Donnerstag, 31. März 2011

Satansbraten (Rainer Werner Fassbinder, 1976)

"Als diese bitterböse Groteske über den alltäglichen Irrsinn des bundesrepublikanischen Kunst- und Kulturbetriebs 1976 uraufgeführt wurde, wurde sie sofort zu einem Skandalon. Mit diesem wüst überzeichneten Porträt des egomanischen Lyrikers Walter Kranz, der sich innerhalb weniger Jahre vom gefeierten Dichter der Revolution in ein menschenverachtendes Ungeheuer verwandelt und sich dann auch noch zum Widergänger Stefan Georges erklärt, war Rainer Werner Fassbinder – zumindest aus Sicht der damaligen Öffentlichkeit – mehr als nur einen Schritt zu weit gegangen. Das von Allmachtsphantasien erfüllte und von unzähligen Neurosen deformierte Monstrum Kranz, das Kurt Raab so kongenial verkörpert, war offensichtlich zu nah dran an einer Gesellschaft, die gerade alles daran setzte, das Rad der Zeit so weit wie nur eben möglich zurückzudrehen. Natürlich hat Fassbinder seinerzeit einfach nur seiner Wut und seiner Verzweiflung freien Lauf gelassen, und natürlich hat er es dabei übertrieben. Nur in diesem satirischen Zerrspiegel konnte sich das wahre Gesicht Deutschlands Mitte der 70er Jahre offenbaren."


(aus: Michael Kohler / Sascha Westphal: "Die 50 besten Filmkomödien ... und die DVDs, die Sie haben müssen", Bertz + Fischer Verlag)

Kommentare:

  1. Einer meiner liebsten Fassbinders, und Kurt Raab ist schlichtweg sensationell. Schon unter Michael Fengler als "Herr R." fand ich ihn atemberaubend, und sein Schauspiel trägt auch dort bereits den gesamten Film. Wohl auch einer der unterschätzten deutschen Schauspieler, der zu früh verstorben ist. Und wahrscheinlich (noch mehr als O.W. Fischer) ein Fall von entweder Liebe oder Haß seitens der Zuschauerreaktion.

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  2. Stimmt, Kurt Raab ist unglaublich. Letztlich lässt sich der Film nicht von seiner Performance trennen, oder anders gesagt: "Satansbraten" ist mit einem anderen Schauspieler überhaupt nicht vorstellbar. Aber vielleicht ist auch gerade das eins der herausragenden Talente Fassbinders gewesen, dass er für jede Rolle, oder sagen wir mal zumindest für jede entscheidende Rolle, die eine perfekte Besetzung gefunden hat. So könnte ich mir "Martha" auch nicht ohne Karlheinz Böhm vorstellen oder "Despair" ohne Dirk Bogade ... mit den Frauenfiguren will ich jetzt gar nicht erst anfangen.

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  3. Sehe ich ebenso. "Satansbraten" ohne Kurt Raab wäre definitiv ein anderer Film geworden. Schade, dass Fassbinder ihn nicht öfter besetzt hat. Fengler hat glaube ich dazu gemeint, dass Fassbinder angeblich dachte Raab wäre als Schauspieler nicht besonders begabt, und er bei einem Setbescuh bei "Warum läuft Herr R. Amok" äußerst verwundert gewesen sein soll. Wieviel an dieser Geschichte stimmt, mag ich nicht beurteilen. Könnte mir aber Raab im gegensatz zu Kinski privat auch sehr introvertiert vorstellenb. So unpassend das bei Fassbinder auf den ersten Blick vielleicht klingen mag, denke ich, dass seine Filme eben auch im Besten Sinne "Schauspielerfilme" sind.

    Bei "Martha" (den ich auch ziemlich großartig finde) stelle ich mir manchmal vor, wie der in den 80ern ausgesehen hätte. So vor oder nach Querelle... (den ich übrigens im anderen Kommentar bei den Nennungen der deutschen Cinéma du Look-Vertreter vergessen habe). Überhaupt hätten die 80er für Fassbinder vielleicht DER künstlerische Höhepunkt werden können - ich mag mir gar nicht vorstellen, was er da vielleicht noch alles gedreht hätte.

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  4. Die Idee, über Fassbinders Werk in den 80ern zu spekulieren, ist auf jeden Fall reizvoll. Alleine schon der Gedanke an einen Rosa Luxemburg-Film mit Romy Schneider kann einen angesichts der verpassten Chancen verzweifeln lassen (da muss man nicht einmal an Margarethe von Trotta denken). Trotzdem sträube ich mich etwas gegen die zumindest implizite Tendenz, das Werk des einen Jahrzehnts gegen das des anderen auszuspielen. In meiner Version dieser Fantasie hätten die 80er einfach einen anderen künstlerischen Höhepunkt in Fassbinders Schaffen hervorgebracht. Aber letztlich sind das natürlich Haarspaltereien. Was alleine zählt, ist, dass das Kino durch seinen viel zu frühen Tod Unschätzbares verloren hat.

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