Mittwoch, 30. März 2011

"Aktion deutscher Film"

Ich hatte es ja schon in meinem ersten Eintrag erwähnt. Dieses Blog gäbe es gar nicht, wenn nicht der Intergalaktische Affenmensch in seinem Blog zur Aktion deutscher Film aufgerufen hätte. Das war einfach eine Gelegenheit, die ich ergreifen musste. Im Endeffekt hätte ich diese Idee, einen Blog exklusiv für Kommentare zum deutschen Film, Fernsehen oder Kino spielt dabei keine Rolle (genauso wie letztlich auch in unserer Filmlandschaft), schon längst haben können. Schließlich lasse ich mich schon seit Jahren immer wieder quer durch unsere Filmgeschichte treiben, einfach nur so, ohne konkretes Ziel und meist auch ohne einen klaren Auftrag, der dann in einen Text münden würde. Insofern hätte ich viel früher mit dieser Sammlung von Gedankensplitter und Seheindrücken beginnen sollen ... mittlerweile ist schon vieles wieder in den Untiefen meines Gedächtnisses verschwunden. Doch so ist es nun einmal, auf die einfachsten, die ganz nahe liegenden Dinge kommt man von selbst gar nicht.

Angesichts der Idee hinter diesem Blog erübrigt sich eine allgemeine Liebeserklärung an den deutschen Film. Die wäre hier nur ein Pleonasmus. Allerdings legen der Intergalaktische Affenmensch und die anderen bisherigen Teilnehmer an dieser Aktion natürlich die Finger in eine offene Wunde, wenn sie auf das seltsame, meist von Desinteresse, wenn nicht gar Abscheu geprägte Verhältnis zahlreicher deutscher Kinoliebhaber zum deutschen Film verweisen. Warum haben es deutsche Filme hierzulande viel schwerer als etwa in Frankreich? Es gibt sicher viele Antwort auf diese Frage, und einige haben sich auch etwas mit dem grundsätzlichen Verhältnis der Deutschen und der Franzosen zum Film an sich zu tun. Cinephilie ist hier immer noch ein mehr oder weniger fremdes Konzept - davon zeugen nicht zuletzt die Programme der deutschen DVD-Verleiher ... auch wenn sich das eine oder andere Label in den letzten Jahren durchaus um die Aufarbeitung deutscher Filmgeschichte bemüht hat. Doch das alles scheint eher planlos und zufällig zu geschehen ... meist gebunden an den einen oder anderen berühmten Namen. Und genau da kann natürlich die Aktion deutscher Film ansetzen, indem sie neben das Bekannte das Vergessene, neben das mit Prädikat versehene Kunst- und Prestigeobjekt den obskuren Genrefilm stellt. Ich werde zumindest versuchen, das Meinige dazu beizutragen ... zunächst einmal mit dieser chronologisch sortierten Liste von zehn Lieblingsfilmen:


Zehn Filme aus gut sieben Jahrzehnten. Ein erster Anfang, mehr aber auch nicht. Keiner aus den 60er Jahren, keiner Rudolf Thome. Rolf Thiele fehlt genauso wie Roger Fritz, Helmut Käutner, Zbyněk Brynych und Oliver Storz. Die Lücken und Auslassungen erzählen mindestens genauso viel über die Kinogeschichte wie diese zehn Filme. Aber gut, diese Beschränkung ist nun einmal Teil des Spiels.

Kommentare:

  1. Der von mir gefürchtete erste Film mit "Oweh"-Fischer. Früher oder später musste das ja passieren! Trotzdem: Spannende Auswahl! Sogar einer der vielen Filme, in denen Harlan seine Frau, die "Reichswasserleiche", auf alle erdenklichen Arten sterben liess, ist mit von der Partie. ;)

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  2. Tja, aus meiner Sicht war O.W. auf jeden Fall unvermeidbar :-) Für mich ist er einer der ganz Großen des deutschen Nachkriegskinos. Trotzdem verstehe ich Deine Aversion. Er ist sicher einer dieser Schauspieler, die man entweder liebt oder hasst. Mir geht es übrigens mit Maria Schell so... das ausgerechnet sie mehrere Filme mit O.W. gedreht hat, ist ein echtes Problem:-)

    Harlan und seine Frau, die "Reichswasserleiche" - das ist noch einmal ein ganz anderes Kapitel. Wie meine Liste in aller Deutlichkeit belegt, liebe ich Melodramen ... und vor allem deutsche Melodramen aus den den Jahren zwischen 1930 und 1960. Und da kommt man an Harlan und Kristina Söderbaum einfach nicht vorbei. Es gibt zwar andere Regisseure, etwa Erich Engel, Rudolf Jugert, G.W. Pabst, Helmut Käutner und eben auch O.W. Fischer, die einzelne großartige Melos gedreht haben. Aber keiner hat dieses Genre so konsequent und so kunstvoll bedient wie Harlan. Die politische Diskussion über ihn lasse hier erst einmal außen vor. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sie im Lauf der "Aktion" noch des öfteren aufkommen wird ... sano hat ja schon den ersten Schritt in diese Richtung getan (http://www.eskalierende-traeume.de/aktion-deutscher-film/comment-page-1/#comment-3490).

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  3. Ganz groß! Warum? Weil ich aus der Liste allein schon nicht einen Titel kennen. Das schreit ja nahezu nach Bereicherung der Aktion deutscher Film und ich hoffe sehr darauf, von dir in nächster Zeit noch einiges mehr zu lesen.

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  4. Es freut mich, dass ich Dich mit dieser Liste neugierig gemacht habe. Leider sind einige der zehn Filme wirklich schwer aufzutreiben. Zumindest in einem Fall grenzt es schon an eine Unmöglichkeit. "Geheimnisvolle Tiefe" war lange Zeit ein verschwundener Film. Dann ist er wieder aufgetaucht und lief in der 97er Berlinale-Retro, was für mich eine Art Erweckungserlebnis war. Seitdem will ich den Film unbedingt wieder sehen, doch er scheint mittlerweile schon wieder vollständig in Vergessenheit geraten zu sein. "Das Gold der Liebe" habe ich etwa zur gleichen Zeit gesehen, damals auf Video für einen großen Text über Eckhart Schmidt. Die Qualität war alles andere als gut, und dann musste ich das Video auch noch zurückgeben. Mittlerweile gibt es die tolle Eckhart-Schmidt-DVD-Box, nur fehlt in der ausgerechnet dieses Meisterwerk.
    Bei den anderen Filmen ist es allerdings etwas einfacher. "Opfergang" läuft immer mal wieder im Kino. "Film ohne Titel" hat das ZDF auch in den letzten Jahren noch häufiger ausgestrahlt, er sollte also irgendwie aufzutreiben sein; und die anderen sind tatsächlich alle auf DVD erschienen ("Von heute auf morgen" allerdings nur in Frankreich, in der ersten Straub-Huillet-Box, die nur deutschsprachige Filme enthält, das Fehlen englischer Untertitel ist also kein Problem).

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  5. Eine interessante Liste. Von Pabsts Spätwerk kenne ich DER LETZTE AKT und ES GESCHAH AM 20. JULI, aber keinen der drei, die Du hier und im anderen Posting erwähnst - die klingen alle interessant. FILM OHNE TITEL ist auch auf meiner Liste (ohne von deiner inspiriert zu sein). Die Idee, alle Filme zum Filmportal zu verlinken, ist recht gut, wenn man nicht selbst zu viel dazu schreiben will.

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  6. Das sind ja auch die beiden bekannten unter den späten Pabst-Filmen, wobei ich sagen würde, dass "Es geschah am 20. Juli" etwas aus dem übrigen Spätwerk herausfällt. "Der letzte Akt", den ich auch großartig finde, passt eher zu den drei genannten, als fünfter Film käme dann noch "Rosen für Bettina" dazu, ein wunderbares Melodram, zugleich aber auch der 'normalste' seiner fünf späten Meisterwerke, zu denen "Es geschah..." für mich eben nicht zählt, aber den müsste ich wahrscheinlich unbedingt noch einmal sehen.

    Die Verlinkung zum Filmportal war eigentlich gar nicht als Ersatz eigener Kommentare gedacht, sie sollte nur die ganzen Credits liefern. Ich weiß, eigentlich hätte ich die zehn Filme sofort kommentieren sollen, aber dazu fehlte mir zu dem Zeitpunkt einfach die notwendige Zeit. Zu "Allotria" habe ich ja jetzt schon einen Text nachgeliefert. Zu den anderen neun Filmen kommen noch ein paar Anmerkungen, allerdings nicht in der Länge der drei Komödien-Texte und auch nicht in dieser eher formellen Art.

    Es hat mich übrigens sehr gefreut, "Film ohne Titel" auch auf Deiner Liste zu finden. Ein wirklich beeindruckendes Werk, das für mich eine relativ singuläre Stellung im deutschen (Nachkriegs)Film einnimmt. Und die Knef war natürlich umwerfend...

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  7. Ganz toll, eine sehr persönliche und originäre Liste. Das spricht mich dann natürlich sehr an. Da ich Willi Forst schon seit einiger Zeit für mich entdecken möchte (nachdem er mir in Kurosawas Memoiren letztes Jahr wieder über den Weg gelaufen ist) und jetzt auch noch eine Retrospektive im Filmmuseum München läuft (die ich leider überhaupt nicht besuchen kann), habe ich heute ein paar seiner Filme auf DVD bestellt.

    Habe im Januar dieses Jahres auch endlich angefangen Veit Harlan zu entdecken. Im Kino Kolberg und Jud Süß gesehen und beide für ziemlich toll befunden. Ich liebe inzwischen auch das melodramatische Genre bis zum Äußersten - nachdem eine Sichtung von Douglas Sirks "Magnificent Obsession" vor ein paar Jahren im Berliner Arsenal-Kino zum Abbau meiner letzten verbliebenen Schranken geführt hat - und wie du schreibst, scheint Harlan Sr. der Meister des Melodrams im deutschen Kino schlechthin zu sein. Opfergang erfüllt mich dabei mit ganz besonderer Vorfreude.

    Ansonsten hast du viele meiner Filmhelden des deutschen kinos genannt, von Pabst, über Fischer, Fassbinder, Schmidt, Straub/Huillet, Schanelec, Thome, thiele, Fritz und Käutner. Und ein kleiner Einblick in das Kinouniversum von Brynych durch eine Kinosichtung von "Oh Happy Day" und einer großartigen "Komissar"-Folge lässt mich auch schon freudig auf weitere Brynych-Sichtungen hoffen.

    Wirklich schade, dass "Das Gold der Liebe" wohl so eine Ultra-Seltenheit zu sein scheint. Der Film klingt großartig, und vielleicht wäre das ja was für die Midnite Xpress Collection von R.P. Kahl und Co. nachdem Sie sich inzwischen vielleicht ein wenig von der bösen Indizierungsgeschichte erholt haben. Zumindest wird die Reihe inzwischen fortgesetzt, und der letzte Film (Babylon von Huettner) könnte ja stilistisch mit "Das Gold der Liebe" Überschneidungen aufweisen.

    Und dann müsste sich auch mal jemand an Dominik Grafs "Das zweite Gesicht" (1982) wagen. Überhaupt scheinen die 80er hierzulande inzwischen mindestens so obskur wie die 50er geworden zu sein...

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  8. Die Willi Forst-Reihe wäre wirklich ein mehr als guter Grund, nach München zu fahren. Leider schaffe ich es auch nicht. Ich hoffe nur, dass irgendwann noch mehr seiner Filme auf DVD erscheinen. Ich möchte endlich einmal "Burgtheater" sehen. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was Du zu seinen Filmen sagen wirst. Es hat zwar einige Zeit gebraucht, aber mittlerweile schätze ich Forst von allen deutsch(sprachig)en Filmemachern der 30er bis 50er Jahre am meisten ... und das sagt jemand, dem Melodramen eigentlich viel näher als Komödien sind.

    Wenn "Kolberg" und "Jud Süß" die einzigen Filmen von Harlan sind, die Du bisher gesehen hast, kannst Du Dich auf jeden Fall noch auf einiges freuen. Ich muss sagen, in "Kolberg" gibt es eigentlich nur eine Sequenz, die ich wirklich schätze - Kristina Söderbaums Audienz am Hof in Königsberg. Ansonsten haben ich mit seinen offensichtlich staatstragenden Filmen meine Schwierigkeiten. Übrigens gilt auch bei Harlan, dass sein Werk aus den 50ern zu Unrecht missachtet wird. "Hanna Amon" kommt für mich fast an "Opfergang" heran.

    "Oh Happy Day" kenne ich leider nicht. Von Brynychs Filmen habe ich nur "Engel, die ihre Flügel verbrennen" (wäre in einer Top Twenty auf jeden Fall drin) und "Die Weibchen" gesehen. Der Brynych, den ich am meisten suche, ist übrigens "Die Nacht von Lissabon". Für einen großen Anhänger Remarques ist diese Kombination einfach zu verlockend.

    Die Idee, dass die 80er Jahre mittlerweile ähnlich obskur sind wie die 50er, hat auf jeden Fall etwas für sich. Ich habe mir darüber nie konkret Gedanken gemacht, aber Du triffst damit zweifellos einen Nerv. Ich muss zugeben, dass die 80er tatsächlich auch für mich noch so etwas wie eine terra ingnita sind. Natürlich haben Schmidt und Thome damals weiter ihre Filme gedreht, natürlich gibt es die Arbeiten von Graf, die ich aber auch größtenteils nicht kenne. Doch das kann ja nicht alles gewesen sein, zumal ich ja auch weiß, dass einige Filmemacher der 60er und 70er Jahre in den 80ern noch sporadisch Filme gedreht haben, die entweder ganz vergessen sind wie Roger Fritz' grandioses 'Spätwerk' "Frankfurt Kaiserstraße", das den Vergleich mit den beiden "Mädchen"-Filmen nicht scheuen muss, oder eher unterschätzt werden wie Roland Klicks "White Star", der natürlich deutlich unter der schaurigen Synchro leidet.

    Also könnte auch das eine Chance der "Aktion deutscher Film" sein, dass wir die 80er neu entdecken.

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  9. Es freut mich, dass da jemand Brynychs Arbeit im KOMMISSAR schätzt. Mein sonst so geschmackssicherer Kollege Whoknows war ja etwas befremdet, dass ich den KOMMISSAR insgesamt in meine Top-10-Liste aufnahm. Wer weiß, wie Brynych seine Brötchen hätte verdienen müssen, wenn Helmut Ringelmann ihn nicht für insgesamt mehr als 130 Episoden seiner Serien engagiert hätte.

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  10. Und ich bleibe dabei: Der kleine Manfred Polak war von der Serie nur so begeistert, weil darin erstmals eine Frau (es handelte sich nicht um Ingrid Steeger, sondern um Diana Körner) ihre nackten Möpse im Fernsehen zeigte! Derweil ich in der Badewanne vor mich hinlitt!! Eine ganze Stunde lang!!! - Was ich zur Schonung meines Intellekts doch schon tun musste, wenn Eduard Zimmermann seine blöden Verbrecher suchte. :(

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  11. Erschüttert nehme ich zur Kenntnis, dass Werner Vetterli und Konrad Toenz auf Whoknows' sachdienliche Hinweise verzichten mussten. Kein Wunder, dass das Verbrechen in der Schweiz noch nicht ausgestorben ist. Die Kurve mit Ingrid Steeger hast Du gerade noch gekriegt - die hat in ihrem einzigen Auftritt im KOMMISSAR Bein gezeigt, aber keinen Busen. Jetzt also Diana Körner. "Lisa Bassenges Mörder", die Folge mit Klausjürgen Wussow und Boy Gobert. Die wurde von Staudte inszeniert, und ich hab sie selbstverständlich nur angesehen, um Stilvergleiche mit DIE MÖRDER SIND UNTER UNS und DER UNTERTAN anzustellen. Von wegen Möpse, ha!

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  12. @Manfred

    Wenn ich recht überlege, müssten noch einige KOMMISAR-Folgen von Brynych irgendwo bei mir rumfliegen, die mir letztes Jahr ein Freund hat zukommen lassen. Nur... wo waren die jetzt noch einmal. Gestern hat übrigens ein anderer Freund noch als nachträgliches Geburtstagsgeschenk die erste KOMMISSAR DVD-Box bekommen - und zwar genau wegen den Brynych-Episoden. ;-)

    @ Stephan

    Ja, ich würde auch sehr gerne hin. Aber man kann nicht alles machen. Das Kuriose ist, dass ich noch im Februar abends mit einem Freund gesprochen habe, und meinte, ne Willi Forst-Retro würde mich interessieren. Und kurz darauf entdecke ich sie im Münchner Programm. Werde mir jetzt aber einfach ein paar DVDs ansehen. Gestern habe ich ja tatsächlich ein paar Heimatfilme aus den 50ern auf DVD geschenkt bekommen, und einer davon war IM WEIßEN RÖßL. Kennst du den? Kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass ein deutscher Filmemacher der 30er bis 50er bei mir so bald an Helmut Käutner herankommt. Die Retrospektive 2009 (ebenfalls im Münchner Filmmuseum) hat mir mit nur 2 Filmen (ANUSCHKA und WIR MACHEN MUSIK) die Augen geöffnet, und seit ich danach noch den großartigen BILDNIS EINER UNBEKANNTEN und (leider nur teilweise) den noch genialeren MONPTI zu Gesicht bekommen habe, harre ich voll freudiger Erregung weiterer Käutnerscher Geniestreiche (und habe mich hierzu sicherheitshalber auch schon mit einem Dutzend weiterer Werke eingedeckt). Waren für mich 4 völlig unerwartete Volltreffer in 4 Filmen. Was will man mehr?

    Von Veit Harlan will ich schon seit einiger Zeit etwas sehen (nachdem ich nochmal durch Slavoj Zizeks Erwähnung von OPFERGANG und ein paar interessanten Erläuterungen von ihm darauf aufmerksam wurde), aber da meine DVD von VERWEHTE SPUREN schon seit über einem Jahr verliehen bleibt, war ich froh im Januar endlich zwei Gelegenheiten zur Erstbegegnung wahrnehmen zu können. Über die politischen Implikationen will ich hier gar nicht weiter diskutieren, sondern eher die „melodramatischen“ Qualitäten von Harlans Kino in den Fokus nehmen die wohl mindestens an Sirk heranreichen. Ein guter Freund hat mir letztes Jahr mit zahlreichen Todessehnsuchtsmomenten aus OPFERGANG dann noch mehr Appetit gemacht (vor allem die Reitszene am Strand mit Söderbaum und Wagner-Musik hat mir den Kiefer herunterklappen lassen...). Gestern (ich weiß, ich wiederhole mich, Lol) habe ich noch LIEBE KANN WIE GIFT SEIN (1958) auf 35mm begutachtet. Trotz/oder vielleicht auch wegen übermäßigem Dauermoralisieren ein Film wie er so auch im Dritten Reich hätte gedreht werden können, und bei dem im Nachhinein dann wohl auch alle Beteiligten behauptet hätten, sie wurden zum Dreh genötigt. So ist es „lediglich“ ein weiterer reaktionärer Beitrag des BRD-Nachkriegskinos. Aber nictsdestotrotz sehr sehenswert und mit einem unglaublichen Männerensemble (u.a. Paul Klinger, Joachim Fuchsberger, Werner Peters, Reinhard Kolldehoff, Friedrich Joloff, Willy Birgel, Paul Henckels). Dennoch gefällt mir von den drei bisher gesehenen KOLBERG immer noch am Besten. Für mich auch ein waschechtes Melodrama.

    Zu den 80ern denke ich wirklich, dass das inzwischen weitgehend unerschlossenes Gebiet geworden ist. Was mich besonders reizen würde, wären dabei deutsche Oberflächenkino-Vertreter à la Cinéma du Look (so in Ahnlehnung an Téchiné, Zulawski, Carax, Beineix, oder auch bei Doillons LA PIRATE oder Polanskis FRANTIC), wo wir zumindest schon einmal bei Schmidt und Graf wären (und vielleicht bei van Ackeren?). Ansonsten denke ich aber sowieso, dass die 80er filmhistorisch ein völlig unterschätztes Jahrzehnt sind – da sie übrigens auch mein favorisiertes sind. ;-)

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  13. @ sano

    Wow! Eigentlich müsste ich gerade an einem ganz anderen Text arbeiten, da ich aber im Moment nicht dazu komme, hier neue Einträge zu posten, möchte ich wenigstens kurz auf diesen gewaltigen Kommentar antworten.

    Wie ja auch schon im Zuge meiner Top Ten erwähnt, schätze ich Käutner sehr. "Bildnis einer Unbekannten" und "Monpti" zählen dabei ohne Frage auch zu meinen Favoriten. Ich würde außerdem noch den zurecht allseits geschätzten "Romanze in Moll" nennen. Trotzdem ist mir Willi Forst noch deutlich näher, was mich in gewisser Hinsicht selbst extrem verwundert, tendiere ich doch wie gesagt eher zum Melodramatischen als zum Komödiantischen. Aber letztlich werden diese persönlichen Dispositionen angesichts von Forsts grandiosem Stil, seinem ganz eigenen Tonfall, nichtig. Wobei Forst nebenbei erwähnt durchaus auch Melodramen gedreht hat, etwa "Die Sünderin", ein Film, der von seinem Sujet irgendwo zwischen Harlan, Käutner und Jugert angesiedelt ist, aber durch Forsts Inszenierung singulär im deutschen Kino der 50er Jahre ist. Das Label "Skandalfilm" versperrt dabei genauso den Blick auf dieses Meisterwerk wie die späteren politisch motivierten Angriffe, die in ihm eine direkte Fortsetzung der anti-modernistischen Haltung der NS-(Kunst)Ideologie sehen. Aber auf diese Fragen werde ich sicher noch einmal im Lauf der Aktion zurückkommen.
    Ich mag Forsts "Im Weißen Rößl" sehr. Er kommt zwar nicht ganz an den noch während des Krieges entstandenen "Wiener Blut" heran, ist aber trotzdem durchaus typisch für Forsts 'Wiener'-Stil, diese leichthändige Mischung aus Melancholie und - muss ich es überhaupt erwähnen? - liebevoller Ironie. Wie so oft bei Forst ist auch diese musikalische Komödie von einer Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit erfüllt, die - und das weiß Forst genau - immer, auch schon zu der Zeit, als sie noch die Gegenwart war, nur eine Fiktion sein konnte. So sind seine Filme zugleich sehnsuchtsvoll nostalgisch und unterlaufen dennoch jede falsche, das Publikum belügende Nostalgie. Auch das ist ein Grund, warum Forsts Werk so einzigartig ist in der deutschsprachigen Filmgeschichte. Der einzige andere Filmemacher, der ihm auf diesem Weg gefolgt ist, auch wenn er seinen Meister nie ganz erreicht hat, ist der unterschätzte Georg Marischka.

    "Liebe kann wie Gift sein" habe ich leider immer noch nicht gesehen. Du hast natürlich recht, dass "Kolberg" ein waschechtes Melodram ist, aber wie eigentlich immer bei Harlan habe ich ganz große Schwierigkeiten mit den Massenszenen, ein anderes Beispiel hierfür wäre "Der große König". Irgendwie werde ich bei Harlans Massenszenen nie das Gefühl los, dass sie für ihn nur eine Pflicht waren, der er sich möglichst schnell entledigen wollte. Ich vermisse in ihnen einfach die Sorgfalt und die atmosphärische Dichte, zu der er immer dann fand, wenn er sich auf seine Figuren konzentrieren konnte, wenn die Räume zum Ausdruck ihres Inneren werden, wie etwa in der Audienz-Szene.

    Van Ackeren ist ganz sicher einer dieser Vertreter des Oberflächenkinos jener Jahre. Ich frage mich gerade ernsthaft, wie ich ihn vergessen konnte. "Die flambierte Frau" und "Die Venusfalle" sind, wenn man so will, seine Zulawski-Filme.

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  14. @Helmut Käutner: Es scheint mir beschämend, dass seine herrliche musikalische Komödie "Das Glas Wasser" (1960), die zugleich ein faszinierendes Aufeinandertreffen der Generationen bietet (Gründgens in seinem letzten Film neben der "Faust"-Adaption, Hilde Krahl, Liselotte Pulver, Horst Janson etc.), offenbar noch immer nicht als DVD erhältlich ist.

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  15. Wow, von Deinen Filmen kenne ich gerade mal den Harlan, den Jugert und den Fassbinder. Den Pabst und den Forst nur vom Hören-Sagen. Der Rest sagt mir gar nichts. Auch viele der in den Kommentaren besprochenen Filme oder sogar Regsisseure sind mir neu. Vielen Dank dafür.

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  16. Gute Nachrichten! Ab jetzt startet der Welt erste Verlosung im Rahmen der Aktion deutscher Film. Schau vorbei und mach mit. Und erzähl allen davon. ;)

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